Besonderheiten japanischer Typografie I

Viele Gewohnheiten und Regeln, die er in mühsamer langjähriger Arbeit gelernt, oder sich durch Erfahrung angeeignet hat, muß der Typograf über Bord werfen, wird er mit einem neuen, fremden Schriftsystem konfrontiert.

Das heißt aber nicht, dass er seine Kunst umsonst gelernt hat. Ganz im Gegenteil, die Kunst der Typografie liegt ja nicht in der blinden Anwendung starrer Regeln, sondern in der flexiblen Anwendung universeller Prinzipien. Diese Prinzipien basieren auf der Wahrnehmung des Menschen, die für alle Menschen grundsätzlich gleich ist, da wir ja alle biologisch mehr oder weniger gleich geschaffen sind (zugegeben, Frauen haben mehr Farbzäpfchen im Auge und Asiaten scheinen gegen grelles Licht besser »gewappnet« zu sein, das sind jedoch verhältnismäßig vernachlässigbare Abweichungen).

It is the pervading law of all things organic and inorganic, of all things physical and metaphysical, of all things human and all things super-human, of all true manifestations of the head, of the heart, of the soul, that the life is recognizable in its expression, that form ever follows function.
This is the law.

— Louis Sullivan

Es gibt sicherlich kulturelle Vorprägungen und Unterschiede, die die Verwendung gewisser Formen oder Farbkombinationen in bestimmten Zusammenhängen einschränken oder verbieten, aber als Typograf ist man immer auf solche Einschränkungen vorbereitet, da sie jeder Kulturraum mit sich bringt, nur in jeweils anderer Form. Solche Rahmenbedingungen oder Einschränkungen sind sogar Teil der Herausforderung immer an die Grenzen des Machbaren zu gehen – man empfindet solche Sachzwänge nicht als Einschränkungen seiner künstlerischen Freiheit.

Was gilt es denn nun zu beachten, oder wie unterscheidet sich die Japanische Schrift grundsätzlich vom abendländischen Alphabet?

Vielfalt der Formen

Die japanische Schrift, ist eigentlich nicht eine einzige Schrift, sondern bedient sich genau genommen dreier Schriften (wenn man das Alphabet dazu zählt sogar vier) von denen zwei rein phonetische Silbenschriften sind, und die dritte aus chinesischen Schriftzeichen besteht, bei der jedes Zeichen einen eigene Bedeutung (und meist mehrere Lesungen) hat. Darum spricht man oft vom japanischen Schriftsystem.

Dasselbe Wort, »Atomkraftwerk« (Genshiryokuhatsudensho), geschrieben in allen drei japanischen Schriften. Zweimal phonetisch (Kana) und einmal mit den chin. Schriftzeichen, Kanji.

Die beiden Silbenschriften nennt man zusammengenommen Kana. Separat heißen sie Katakana und Hiragana. Die Katakana sind stark stilisierte Silbenschriftzeichen mit wenigen Rundungen, wenigen aber klaren Strichen; die Hiragana wirken dagegen wesentlich runder und geschwungener. Beide haben rein phonetischen Wert und beschreiben dieselben 46 Silben aus der die japanische Sprache besteht. Man könnte theoretisch jeden japanischen Text komplett nur mit einer dieser Silbenschriften setzen (Kinderbücher machen das so), allerdings wären komplexe Texte dann inhaltlich nur äußerst schwer erfassbar.

Die dritte Schrift, Kanji, sind chinesische Schriftzeichen, die je nach komplexität des Zeichens sehr simpel und klar aussehen können oder manchmal auch sehr filigran und beinah verworren (es ist noch zu beachten, dass die japaner die Kanji auf ihre eigene Art vereinfacht haben, es gibt also klare Unterschiede zu den beiden chinesischen Hauptschriften, wie sie in Beijing resp. Taiwan/Hong Kong gebräuchlich sind).

Warum so komplex?

Im chinesischen sind alle Wörter im Prinzip unveränderlich, so kann man auch unveränderliche »starre« Schriftzeichen ohne Probleme verwenden. Als diese Schrift von den Japanern übernommen wurde zeigten sich bald die Grenzen der Anwendbarkeit auf die japanische Sprache, die ganz anders aufgebaut ist als die chinesische und mit dem Chinesischen auch überhaupt nicht verwandt ist.

Japanische Verbformen, Verneinungen, Vergangenheitsform usw. schlagen sich in der Endung der Verben nieder und dieser Veränderung der Worte muss in der Schrift Rechnung getragen werden. Die Japaner machten keinen direkten Schritt von 100% chinesischer Schrift zum heutigen Schriftsystem, es gab viele z.T. verwirrende Zwischenschritte einiges lief parallel, schlußendlich mündete es in dem komplexen System das wir heute kennen.

So kann man krass vereinfacht sagen, dass im modernen Japanisch die chinesischen Schriftzeichen meist für Hauptwörter und Wortstämme verwendet werden, während Verb-Endungen und sonstige Bindewörter mit den Hiragana geschrieben werden. Die Katakana finden vor allem Verwendung für Fremdwörter, ausländische Namen und wissenschaftliche Namen von Tieren, Pflanzen usw., manchmal auch zur Auszeichnung (der Effekt ist dann ähnlich wie Versalien in der Lateinschrift). Weiter möchte ich das nicht vertiefen, dazu gibt es Japanischkurse (oder vielleicht einen noch viel längeren Blogeintrag hier, wer weiß).

Grauwert

Aus dieser Formenvielfalt ergibt sich natürlich, dass das Japanische einen ganz anderen Grauwert hat, als die Lateinschrift. Selbst das Schriftbild von nur chinesischen Schriftzeichen ist reichlich inhomogen, wenn man nun aber noch die runden Formen der Hiragana und die eckig starken Formen der Katana mit einmischt, hat man ein sehr unausgewogenes Schriftbild.

Würde man also zwei gleiche Layouts verwenden für z.B. Englisch und Japanisch, wäre die Japanische Version allein aufgrund der Schrift immer wesentlich unruhiger.

Schriftklassen

Leider kenne ich die Schriftklassen nach JIS nicht, das Dokument dazu ist leider nicht frei zugänglich, aber dank einschlägiger Literatur sowie Zeitschriften und langjähriger Erfahrung im Umgang mit Druckerzeugnissen in Japan kann ich einmal von zwei Hauptgruppen ausgehen.

»Gothic«

Gothic (ゴシック体)

Da gibt es sogenannte “Gothic” Schriften (ゴシック体 – goshikku tai), die durch Nacheiferung der Serifenlosen Schriften im Lateinalphabet enstanden und grundsätzlich denselben Charakter haben. Der äußerst irreführende Name kommt aus dem Amerikanischen, wo man »Serifenlose Linear-Antiqua« (DIN 16518) Gothic nannte, weil sie zum einen weder Griechisch noch Lateinisch waren und weil diese Schriften in den zwanziger Jahren vor allem im deutschsprachigen Raum große Resonanz fanden (Bauhaus, Tschicholds »neue Typographie«, etc.).

»Minchô«

Minchô (明朝体)

Weiter gibt es die Minchô-Typen (明朝体 – minchô tai), die mehr oder weniger den Antiqua-Schriften vom Charakter her entsprechen (optisch sind sie den klassizistischen Antiqua Schriften nachempfunden, weil etwa zu dieser Zeit das Drucken mit beweglichen Bleilettern nach China kam, und die »Langnasen« großen Einfluss auf das Design der ersten chinesischen Drucklettern hatten). Wer genau hinguckt kann erkennen, dass die Kana einen wesentlich stärkeren Pinselstrich-Charakter haben, als die dazugehörigen Kanji. Das hat historische Gründe. Anfangs fand ich diese Diskrepanz schrecklich, so als würde man eine Renaissance-Antiqua mit einer klassizistischen mischen und so tun als wäre das doch völlig harmonisch (kreisch)… mittlerweile bemerke ich es kaum mehr – schreckliche Macht der Gewohnheit.

Andere

Es gibt diverse Schriften mit starkem Pinselcharacter, oft basierend auf historischen Schreib- und Kalligraphiestilen, die jedoch nicht zu den Brotschriften gehören. Die gebräuchlichsten dieser Gruppe sind Edomoji, Kanteiryû und Sumô-tai. Dies sind rein japanische Schriftstyle, während es die obengenannten Gothic- und Minchô-Typen (dort mit anderem Namen) auch im Chinesischen gibt.

Edomoji “Fuun”

江戸文字「風雲」

Kanteiryû

Kanteiryû (勘亭流)

Sumôtai

Sumôtai (相撲体)

Dickte

Die Dickte der japanischen Schriftzeichen ist prinzipiell konstant (dicktengleiche Schrift), jedes Schriftzeichen ist ein Geviert breit. Allerdings wird speziell bei Satzzeichen im Druckdesign sehr stark unterschnitten. Auch das Fleisch um das Schriftzeichen variiert sehr stark je nach Schrift und Schriftzeichen. So haben die Kana in der Regel etwas mehr Weißraum, damit sie aufgrund der geringen Komplexität und Strichzahl nicht zu massiv wirken.

Leserichtungen

Japanische ZeitungDie Traditionelle Leserichtung des Japanischen ist von oben nach unten. Die Zeilen laufen dabei von rechts nach links. Diese Leseweise trifft man auch heute noch bei einigen Magazinen und so gut wie allen Zeitungen an. Magazine, die hauptsächlich vertikal gesetzt werden, werden daher auch immer »von hinten« aufgeschlagen (so auch Manga). Speziell bei Zeitungen hat es sich eingebürgert, dass vertikaler und horizontaler Satz gemischt werden. So kann es vorkommen, dass eine Überschrift horizontal verläuft, während der dazugehörige Artikel vertikal gesetzt wurde.

Ganz alte Inschriften und Schilder (Namen von Tempeln) werden horizontal von rechts nach links gelesen. Zeitschriftentitel aus der Taishô-Zeit (30er Jahre) wurden auch oft so gesetzt. Auch Beschriftungen auf Lastwagen sind immer noch oft horizontal von rechts nach links gesetzt.

Das gros der Druckerzeugnisse und das ganze japanische Web, bedient sich allerdings der »westlichen« Schreibweise von links nach rechts. Es gibt auch keinen Browser, der vertikalen Text darstellen könnte, geschweige denn ein RFC dafür. Das liegt vor allem daran, dass für die Hauptvertreter der vertikalen Schreibweise (Chinesisch und Japanisch) der horizontale Satz schon größtenteils etabliert war, als Computer sich verbreiteten.

Da wir die Rahmenbedingungen jetzt mehr oder weniger festgehalten haben, werde ich in der 2. Folge konkret auf japanische Typographie eingehen.

posted on:
Jan 16, 2008 @ 06:49

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Comments

  • February 22, 2009 @ 01:20

    Wow der Artikel ist ziemlich informativ :D

    Ich musste in fast jeden 2. Satz nach schauen was dieses oder jenes Wort bedeutet.

    zB. Grauwert oder Dickte xD

    Da erkennt man den Mann vom
    Fach xD

    Weiter so!

  • April 21, 2010 @ 08:38

    guten abend.
    zum “lichtunterschied”
    zwischen spaniern und deutschen lässt sich ähnliches beobachten:
    erstere beleuchten nachts ihre bars mit neonlicht und finden nichts dabei – wir dagegen beleuchten unsere wohnungen selbst im winter so dunkel und indirekt wie möglich.
    erklärt wurde das einmal (telepolis? – konnte den artikel so schnell nicht finden) mit der unterschiedlichen gewöhnung an sonneneinstrahlung.

    d.h. wer viel kriegt will viel.

    irgendwie so ;)

    frohes schaffen!

    jon

  • April 23, 2010 @ 15:50

    Sehr lesenswerter Artikel. Ich interessiere mich schon lange für Teile der japanischen Kultur. Jetzt ist endlich mal geklärt, was es mit den verschiedenen Schriften auf sich hat. Danke ;)

  • June 3, 2010 @ 00:59

    Klasse Artikel!

    Hast du eventuell Buchempfehlungen, die das ganze noch deutlicher erklären?

    Gerne auch auf Japanisch. Ich habe mir mal ein Buch gekauft, aber das war nur relativ oberflächlich erklärt (und ging auch viel auf anderes Design ein, ich würde aber gerne nur über Typographie erfahren).

    Noch eine Frage: Weißt du, mit welchem Programm man japanischen Text schön setzen kann? Word ist ja leider sehr mangelhaft, Openoffice ist noch schlechter. Indesign ist zwar vielleicht gut, aber unerschwinglich. Kennst du dieses Ichitarō?

    Danke!
    Gerrit

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