Japanische Typographie II
Während sich der erste Teil dieses Artikels auf ein grundlegendes Verständnis des komplexen japanischen Schriftsystems konzentrierte, möchte ich im zweiten Teil auf einige typographische Eigenheiten des japanischen Schriftsystems hinweisen, die hoffentlich sowohl für Typografen als auch ambitionierte Laien von Interesse sind.
Grundsätzliche typographische Regeln der Lateinschrift werden natürlich nicht aufgehoben, schließlich geht es immer um die Wahrnehmung des Menschen und wie er Informationen verarbeitet, also universelle Prinzipien, die grundsätzlich für alle Menschen gleich gelten, man muss nur den verschiedenen Schriftsystemen gemäß Anpassungen vornehmen, und sich gewissen historischen und kulturellen Gegebenheiten anpassen1.
Durchschuss
Da es in der japanischen Schrift nichts gibt, was den Ober- und Unterlängen bei Kleinbuchstaben des lateinischen Alphabets entspricht, kann man beim Japanischen Schriftsystem von einem Erscheinungsbild, nicht ungleich dem Versaliensatz2 ausgehen. Also ist der Durchschuss gleich dem effektiven Weißraum zwischen den Zeilen.
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Bei der Lateinschrift hat man zusätzliche Weißräume von der Mittellänge zur Oberlänge, sowie von der Grundlinie zu den Unterlängen, die den Zeilenabstand größer oder auch »luftiger« wirken lassen. Ohne diesen extra Weißraum jedoch – wie beim Versaliensatz auch – sind größere Zeilenabstände nötig, um einen gleichen optischen Abstand zu erreichen, das gilt also besonders für japanische Schrift3.
Dickte und Spationierung
Theoretisch werden alle Schriftzeichen der Japanischen Sprache (Hiragana, Katakana und Kanji – chinesische Ideogramme) in einem Quadrat gesetzt. Auch japanisches Manuskriptpapier für heute noch gebräuchliche handgeschriebene Manuskripte, geben ein Kästchen pro Schriftzeichen vor.
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So mag es sich beim Japanischen zwar um eine mehr oder weniger nichtproportionale Schrift handeln, der Effekt wird jedoch durch das bisweilen extreme Unterschneiden wieder aufgehoben.
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Das starke Unterschneiden bestimmer Zeichen liegt vor allem auch daran, dass die Satzzeichen – teils der lateinischen Schrift nachempfunden in der Form – im Japanischen in einem quadratischen Raum untergebracht werden, was ohne manuellen Ausgleich optisch zu viel Weißraum schafft im Verhältnis zu dem sonst eher geschlossenen Schriftbild. So werden im Druck besonders der Punkt, »Kuten«, (句点) wie auch das Komma, »Tôten« (読点) stark unterschnitten. Auch das »kleine Tsu« (っeigtl. »Sokuon« – ein Kehlverschlusslaut) erfährt eine Ähnliche Behandlung.
Unsitten
Das Sperren der Schriftzeichen geht bisweilen so weit, dass das Geschriebene kaum mehr zu lesen ist. Manchmal wird der Raum zwischen den Schriftzeichen um ein Vielfaches breiter gehalten, als die Breite der einzelnen Zeichen. Das ist natürlich doppelt fatal, weil man das Japanische auch vertikal lesen kann, und so passiert es dann, dass man fälschlich versucht Schrift vertikal zu lesen, die eigentlich horizontal gesetzt wurde.
Das Auge neigt dazu, vertikale Gruppierungen horizontalen vorzuziehen, nicht zuletzt, weil Menschen in ihrem Erscheinungsbild eher vertikal ausgerichtet sind (es dient also eigentlich dem Erkennen der eigenen Spezies); diesem Effekt muss man nun beim Japanischen Horizontalsatz noch stärker entgegenwirken als bei der Lateinschrift, weil man eben beide Schriftrichtungen zu Verfügung hat. Und es kommt nicht selten vor, dass ein senkrecht gesetzter Artikel eine horizontale Überschrift hat, oder umgekehrt.
Worttrennungen
Das Japanische kennt keine Wortzwischenräume, was rein theoretisch erlaubt, jedes Wort an beliebiger Stelle zu trennen. Natürlich gibt es auch im Japanischen geschickte und ungeschickte Trennungen, und die Regeln dazu bzw. Programme, die dafür sorgen, dass nicht falsch getrennt wird heißen »Kinsoku Shori« (禁則処理).
So dürfen zum Beispiel am Zeilenanfang kein Punkt, Komma, schließende Klammern oder Anführungszeichen, »Sokuon« und keiner der Partikel (が, は, に, を, へ, と etc.) stehen. Um das zu ermöglichen, wird entweder Flattersatz verwendet oder beim Blocksatz die Buchstabenzwischenräume je nach bedarf gesperrt bzw. unterschnitten (vor allem die Satzzeichen). Ein Gedanke, bei dem jedem wohlerzogenen Typographen die Haare zu Berge stehen, was aber im Japanischen durchaus akzeptabel ist.
Das liegt daran, dass die Lesbarkeit dadurch lange nicht so beeinträchtigt wird, wie bei der Lateinschrift, bei der man bekannte Wörter meist als ganzes Wortbild wahrnimmt und nicht die einzelnen Buchstaben liest. Wird das Wortbild durch übertriebenes Sperren oder Unterschneiden zu sehr gestört, muss das Gehirn auf das Lesen der Einzelbuchstaben zurückgreifen, ein schwerfälliger Prozess.
Im Japanischen ist das nur bedingt der Fall, allein schon wegen des Fehlens der Wortzwischenräume als Indikatoren für Wortanfang und -ende, aber auch rein wegen der Komplexität der chinesischen Schriftzeichen. Wörter aus Silbenschrift, die wie das Alphabet rein phonetisch ist, dürften wohl ähnlich wahrgenommen und erkannt werden wie Wörter in Lateinschrift.
Bei den Kanji wird allerdings der Sinn oft noch vor dem phonetischen Wert erfasst, daher ist der kognitive Lesevorgang nicht gleich dem von Lautschriften. Manchmal kann sich der Leser den Sinn anhand der Kanji erschließen, weiß aber nicht, wie ein Wort phonetisch zu lesen ist. Sehr ausgeprägt ist das bei Ortsnamen der Fall, wo es aus historischen Gründen zahllose unregelmäßige oft regional beschränkte Lesarten gibt (basierend auf alten Wortformen, Dialekt etc.). Fremde Ortsnamen sind auch Japanern nicht ohne weiteres erschließbar – die Bedeutung wird jedoch meist problemlos erfasst.
Auszeichnungen
Kursive Schrift hat Ihre Wurzeln in den schnell schreibbaren Verkehrsschriften der Spätgotik und Renaissance (Kurrent), und ist etwas, das so in Japan nicht existiert. Man sollte daher auf keinen Fall mit kursiver Schrift im Japanischen arbeiten, weil es dafür keine echten Kursiven gibt, sondern die Schrift nur schräg gestellt wird, was die Lesbarkeit extrem erschwert.
Fette Schrift ist eine wirksame Art der Auszeichnung im Japanischen, kann aber bisweilen im Web problematisch sein, da es sich bei japanischen Fetten und Halbfetten Schriften technisch gesehen im Gegensatz zu den Lateinschriften nicht um einen fetten Schnitt derselben Schrift handelt (Helvetica Neue Regular, Helvetica Neue Bold), sondern eine eigene Schrift (Hiragino Kaku Gothic W3, Hiragino Kaku Gothic W7). Das wiederum wird von vielen Browsern (besonders auf Windows) nicht korrekt gehandhabt, so dass man unter Windows bei Verwendung des CSS Attributs font-style: bold meist nur sogenannte »fake Bold« Schriften bekommt, wo die normale Schrift einfach 4 mal um einen Pixel in alle vier Richtungen kopiert wird, und somit ein sehr hässlicher und schlecht lesbarer (außerdem wenig hervorstehender) fetter Schnitt entsteht.
Ansonsten kann man effektiv mit verschiedenen Schriftgrößen für Auszeichnung bei Überschriften arbeiten, nur muss man die Punktgrößenunterschiede weiter auswählen als bei Lateinschrift, weil sonst der Kontrast der Schriftgröße nicht ausreichend ist. Währen man im allgemeinen bei Lateinschrift von einem Minimum von 2pt Größendifferenz ausgeht, damit überhaupt ein Unterschied wahrgenommen wird, sollte man im Japanischen eher 3-4pt Differenz wählen.
Im dritten Teil werde ich auf Schriftwahl und Kombination von Schriften eingehen, sowie in die tiefsten Abgründe japanischer Typographie blicken.
1 Zu den Ausnahmen der Grundsätze: Frauen haben mehr Farbzäpfchen in den Augen als Männer, nehmen daher Farben intensiver wahr, und blauäugige sollen empfindlicher auf grelles Licht reagieren als braunäugige (angeblich wegen der höheren Lichtdurchlässigkeit der Iris), ich konnte jedoch keinen Wissenschaftlichen Beleg dafür finden.
2 Versalien von lat. versus »Zeile, Absatz«. Die Majuskeln, Großbuchstaben.
3 Darum verstehe ich nicht, warum unter Windows Japanische Schrift grundsätzlich mit 0 Durchschuss also kompress dargestellt wird. Absolut unlesbar, und dass die Japaner nicht schon lange mit Fackeln und Mistgabeln Microsoft erstürmt haben, um sich dafür zu rächen wundert mich.
posted on:
Apr 2, 2010 @ 20:36
filed under:
design & typography, deutsch







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